Von der Kunst in Malta den Bus zu nehmen oder eine Lektion in Sachen Geduld

Ein Flug nach Malta, Ankunft im Süden: Palmen, angenehmer Wind, Sonnenstrahlen auf der Haut.

Ein erster Blick ins Land zeigt: helle Häuser aus Sandstein stehen dicht an dich, enge Straßen und verträumte Gassen laden zum Spazieren ein. Bei längere Strecken, die man nicht zu Fuß bewältigen kann, hat es sich dann allerdings ausgeträumt: Und dann geht’s auch schon los: rein ins maltesische Lebensgefühl und ja, das beginnt mit dem öffentlichen Verkehr. Und jeder, der schon einmal auf Malta war, weiß: Das ist eine eigene Geschichte.

Mit dem Bus zu fahren ist im Vergleich zu anderen europäischen Ländern überraschend preiswert: Um nur 1,50 bekommt man ein ein Tagesticket für die ganze Insel, ein großes ABER bleibt nicht aus: Wer in Malta mit dem öffentlichen Verkehr unterwegs ist, muss Know-How haben und vor allem viel Geduld mitbringen. Und das geht soweit, dass man durchaus zu sagen wagen kann, dass es die Lebensqualität steigert, wenn der Arbeitsplatz zu Fuß erreichbar ist.

Es dauert einige Zeit bis die Erwartung, die man vom Heimatland bezüglich der Pünktlichkeit der Busse mitbringt, an die maltesische Situation angepasst wird und irgendwann ist dann klar, dass die an den Haltestellen angegebenen Fahrzeiten mit dem Zusatz „planmäßig“ versehen werden müssen, was vielmehr heißt, dass die Realität ganz anders aussieht. Tatsache ist, dass die Angaben an den Fahrplänen nur dazu dienen, eine ungefähre Orientierung zu haben, wie oft die Busse in der Stunde fahren, von einer punktgenauen Abfahrt kann nur selten die Rede sein. Also, lieber ein paar Minuten früher zur Bushaltestelle und ja nicht aufgeben, wenn ein Bus schon 10 Minuten zu spät ist – lieber noch 5 Minuten gedulden – die Frage, ob der Bus, der dann kommt der verspätete Bus ist oder doch der, der planmäßig erst in 10 Minuten kommt, bleibt dann natürlich ungeklärt. Geduld haben ist eine Lektion, die man auf Malta im öffentlichen Verkehr auf alle Fälle erteilt bekommt. Um unnötigen Stress zu vermeiden, ist es also gut, genug Zeit einzuplanen und mit allen (Un-)Möglichkeiten zu rechnen. Nach einem entspannten Tag am Golden Bay kann es schon einmal vorkommen, dass man 45 Minuten auf den (verspäteten, verfrühten...) Bus wartet, was, wenn man nicht damit rechnet, den Erholungseffekt des Tages gleich wieder zunichte machen kann.

Beim Warten an der Bushaltestelle ist es auch ganz nützlich zu wissen, dass man per Handzeichen signalisieren muss, wenn man einsteigen will. Sonst fährt der Busfahrer unbehelligt weiter und diese erste einprägende Erfahrung endet dann wohl mit einem ungläubigen Starren auf die Rückseite des Busses.

Verärgert dem Bus hinterherschauen wird man auch dann, wenn ein überfüllter Bus einfach gar nicht erst an der Haltestelle hält und gleich vorbeifährt, was bei beliebten Buslinien, wie der 225, schon einmal passieren kann. Passiert das dann auch noch an einem Sonntag in der Nebensaison, heißt es eine ganze Stunde in der Ungewissheit warten, ob es nicht gleich wieder zu einem Déjà-vu kommen wird. Oder man hat Glück und ein Minibus kommt des Weges, die einen meist für einen geringen Beitrag von 2 oder 3 Euro mitnehmen (die Fahrtzeit ist meist auch etwas länger, weil der Fahrer die Leute recht flexible an ihren Wunschzielen abliefert).

Wer sichergehen will, einen Bus tatsächlich auch von innen zu sehen, sollte taktieren und ausfindig machen, von wo ein Bus abfährt. Dann gilt es in einen Bus in die Richtung der Abfahrtsstelle zu steigen (also eigentlich in die entgegengesetzte Richtung zu fahren), um an einer weniger stark frequentierten und im Fahrplan frühen Haltestelle zuzusteigen, um dem großen Ansturm zuvorzukommen und möglicherweise auch noch einen Sitzplatz zu ergattern. Möchte man beispielsweise mit dem Bus Nr. 225 von St. Julians direkt an den Golden Bay fahren, sollte man zumindest versuchen in Spinola-Bay (oder einer anderen Haltestellen in Richtung Sliema) noch vor den Trauben von Strandhungrigen in Paceville zuzusteigen.

Und ja, auch noch ein Tipp: Wie im richtigen Leben gilt: Es zahlt sich immer aus, einen Plan B zu haben: Bevor man eine Reise antritt (und ja, in Malta kann man schon von einer Reise sprechen, vor allem wenn man sich vor Augen führt, dass für eine Strecke, die mit dem Auto in 20 Minuten bewältigt werden kann, der Bus schon mal 2,5 Stunden unterwegs sein kann) sollte man auf Google Maps recherchieren und verschiedene Routen bzw. Busse herausfinden (ein Smartphone erleichtert die Sache natürlich ungemein). Ein guter Plan, wenn ein Bus ausfällt, ist meistens nach Valletta zu fahren, da vom Busbahnhof dort an die 15 Busse in alle Richtungen der Inseln starten. Ähnliches gilt für die Haltestelle am Krankenhaus Mater Dei – auch dort halten viele Busse.

Wer es eilig hat und bereit ist ein bisschen Geld zu zahlen (12 Cent), um zu wissen, wann der nächste Bus kommt, für den gibt es ein sehr nützliches Bus-SMS-Service: Dazu einfach ein SMS mit der vierstelligen Haltestellennummer (steht links unten am Schild und ist blau hinterlegt) an die Nummer 50612000 schicken und dann kommt die Information über die nächsten ankommenden Busse direkt aufs Handy. Kaum zu glauben, aber wahr: Die Busse sind mit GPS ausgestattet und liefern Informationen in Echtzeit, was auch an den wenigen Anzeigen, z.B. in Mater Dei oder Valletta, zu sehen ist.

Zu den Busfahrern sei noch gesagt: Die meisten sind freundlich, warten auch mal, wenn man eine Frage hat, was natürlich andererseits auch einmal zu einer längeren Wartezeit führen kann, wenn der Fahrer noch in aller Ruhe mit einem Fahrgast plaudert, obwohl die Schlange der wartenden Fahrgäste schon den gesamten Gehweg füllt. Oder plötzlich vom großen Hunger überfallen wird und kurzerhand den Bus in der Bushaltestelle parkt, um sich schnell von der nächsten Pastizzeria ein Stück Pizza zu holen. Diese Haltung hat aber auch ihr Gutes: Hat man seine Haltestelle verpasst oder hat keine Ahnung, wo man am besten aussteigen soll, um am schnellsten einen gewissen Punkt zu erreichen, reicht manchmal eine kurze Fragen an den Fahrer und wenn man Glück hat, hält dieser auch einmal abseits der angegebenen Bushaltestellen. Weniger freundlich und hilfsbereit sind die meisten Busfahrer allerdings, wenn man mit einem 20-Euro-Schein bezahlen will. Dann kann es schon sein, dass sie etwas ungehalten werden (meistens führt das allerdings dann doch dazu, dass man nur einen genervten Blick erntet und letztendlich doch vom Fahrer durchgewunken wird). Aber Vorsicht: Auch in maltesischen Bussen gibt es Kontrollen: Auch wenn es die Aufgabe des Fahrers ist, Karten zu verkaufen und die Tickets zu kontrollieren (an stark frequentierten Bushaltestellen, wie in Valletta gibt es auch eigene Ticketverkäufer, die versuchen das Einsteigen in den Bus etwas reibungsloser zu gestalten) gibt es selten, aber doch Kontrolleure, die die Gültigkeit der Tickets überprüfen – im Vergleich zu nordeuropäischen Ländern allerdings mit geringen Konsequenzen: Schon mit einem Bußgeld von 10 Euro ist der Fall erledigt.

Gewöhnungsbedürftig kann auch der Fahrstil mancher Busfahrer sein. Wenn man üblicherweise die Zeit im Bus zum Lesen nutzt, wird man sehr schnell einsehen, dass das meist nicht möglich ist. Bei besonders rasanten Fahrten ist es ja auch viel spannender oder besser gesagt unausweichlich, zu verfolgen, wie der Busfahrer es doch noch schafft, die nächste Kurve zu nehmen. Wenn also Google Maps eine Fahrzeit von einer Stunde und 15 Minuten angibt, kann es schon einmal vorkommen, dass dank Hochgeschwindigkeit, die ungeachtet von Bordsteinkanten oder sonstigen Hindernissen beibehalten wird, das Ziel schon nach 45 Minuten erreicht wird, was uns in der Frage nach den verspäteten oder verführten Bussen doch ein wenig weiterbringt.

Kommt man doch – allen schlimmen Befürchtungen zum Trotz – gut am Ziel an, hört man wie Einheimische sich beim Fahrer verabschieden und auch wir Zugereisten, die wir möglicherweise mit leicht zittrigen Knien den Bus verlassen, werden vielleicht ein „Thank you“ stammeln – Trotzdem: Busfahren ist und bleibt meist unumgänglich auf Malta, deshalb heißt es, die langen Fahrten dazu zu nutzen, um sich an der Landschaft zu erfreuen, an der man sich sowieso nur schwer sattsehen kann (wie z.B. bei der Buslinie 201, die an den Dingli Cliffs entlangfährt) und letztendlich wird irgendwann das passieren, was unvermeidbar ist: Man sieht in manchen Augenblicken (aber nur in manchen) den öffentlichen Verkehr Maltas als charmanten Schönheitsfehler, den man lieben lernt und vielleicht sogar ein bisschen vermisst, wenn man wieder in einem nordeuropäischen Land lebt, wo wieder alles ganz streng nach Plan verläuft.